Die Kunst der Beschreibung - Rembrandt und Saskia

Das Verhältnis von Sprache und Bild, so wie Gottfried Boehm es thematisiert (vgl. Blog-Archiv: Vom Sinn und den Möglichkeiten der Beschreibung), klingt (und ist) sehr komplex. Ich möchte zur Veranschaulichung an dieser Stelle eine Beschreibung einschieben, die versuchen will, Boehms Überlegungen anzuwenden.

 

Bei dem beschriebenen Bild handelt es sich um Rembrandts höchst privates Porträt seiner jungen Frau Saskia von Uylenburgh, das er - laut Notiz auf dem Blatt - am dritten Tag nach der Verlobung, dem feierlichen Heiratsversprechen, am 8. Juni 1633 angefertigt hat.

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Saskia van Uylenburgh am dritten Tag nach dem Heiratsversprechen, 1633; Berlin, SMB-PK, Kupferstichkabinett

 

Der erste Blick auf das nur 18,5 x 10,7 Zentimeter große Blatt wird durch das kleine Format, den verhältnismäßig vielen Raum vor allem oberhalb des Kopfs, und durch den wie eine Barriere wirkenden Querstrich im unteren Drittel, unter dem eine Notiz Rembrandts jede Räumlichkeit unterminiert, auf Distanz gehalten. Dennoch zieht aber schon der Kopf der jungen Frau mit den aus dem Schatten der großen Hutkrempe hervorleuchtenden Augen die Aufmerksamkeit auf sich.

 

 

Geht man näher an das Bild heran, so kann man Erstaunliches beobachten: Plötzlich wird deutlich, dass es sich eigentlich um eine sehr intime, ich möchte sagen liebevolle Darstellung der erst einundzwanzigjährigen Saskia handelt. Denn auch Rembrandt ist mit den künstlerischen Mitteln, die er für die Darstellung verwendete, im übertragenen Sinn ‚sehr nahe herangegangen‘ und hat vor allem die Augen, den Mund und das Kinn mit dem ganz leichten Ansatz eines Doppelkinns detailliert dargestellt, während er alles andere mit deutlich flüchtigeren Strichen eher angedeutet hat, es im Vagen lässt, selbst wenn es nur wenige Millimeter von den besonders aufmerksam beobachteten Details entfernt ist.

 

Das gilt schon für Saskias linkes Auge, für ihre Haare, ihr rechtes Ohr. Dagegen ist der Mund sinnlich und verführerisch und das rechte Auge lächelt verschmitzt, so als würde Saskia, obwohl Tochter eines vermögenden Juristen, alles mitmachen, was sich der mitunter verrückte, nicht uneitle Künstler mit seinem Hang zu Maskerade und der ausgeprägten Sammelwut einfallen lässt.

 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Selbstporträt mit seiner jungen Frau Saskia, 1635-36; Dresden, Gemäldegalerie

 

Jedenfalls wirkt das so, wenn man das Selbstporträt mit Saskia mit hinzunimmt, das nur wenige Zeit nach der kleinen Zeichnung entstanden ist (und das von manchen für eine Darstellung des Verlorenen Sohns im Bordell gehalten wird). Allerdings belegen das auch die Nachrichten, die über Saskia und beispielsweise ihren offenbar leichtherzigen Umgang mit Geld erhalten sind.

 

Ich sehe in diesem Selbstporträt übrigens eine Art Gegenbild zu Rubens‘ ‚Hochzeitsbild‘, dem Selbstbildnis mit Isabella Brant in der Geißblattlaube, das 1609/10 wohl für die soeben zu Schwiegereltern avancierten Eltern Isabellas entstanden war und das Rembrandt mit Sicherheit kannte.

 

Peter Paul Rubens, Selbstbildnis mit Isabella Brant in der Geißblattlaube, 1609-10; München, Alte Pinakothek

 

Während Rubens sich als selbstbewussten Edelmann zeigte – mit dem ihm eigentlich nicht zustehenden Degen halb versteckt an seiner Seite –, als vornehm zurückhaltenden Gentleman im Zusammenhang dieses distinguierten, höchst gesitteten Ehepaars, zeigt Rembrandt sich auf wesentliche derberere Weise:

 

Keine überkandidelte, repräsentative, eher symbolische Berührung in Form der noch aus der Antike überlieferten dextrarum junctio, wie wir sie noch vom Arnolfini-Doppelporträt Jan van Eycks kennen, mit Eheleuten, die zu vornehm sind, um sich richtig anzufassen, sitzt Saskia dem ausgelassen feiernden, sichtbar glücklichen Künstler auf dem Schoß, selbstbewusst und durchaus nicht gezwungen oder gar protestierend. Die eine Hand Rembrandts liegt auf ihrem Rücken mit dem subtil, aber deutlich beleuchteten, ein wenig überdimensioniert wirkenden Hinterteil, die andere hält ein Glas in die Höhe, das zu sehr an ein Phallussymbol erinnert, als dass die Geste nur ein ungezwungenes Zuprosten an den imaginierten Betrachter meinen könnte. – Im Übrigen muss man sich fragen, welcher Teil des Kleids das eigentlich ist, den Rembrandt mit der linken Hand hochzuhalten scheint. Zum grünen Obergewand passt dies eigentlich nicht, aber dass es sich um das Unterkleid handeln sollte, ist – aus Gründen von ‚Sitte und Anstand‘ – fast nicht vorstellbar. Vielleicht handelt es sich einfach um die modische Ausformung eines Teils des Rocks; allerdings ist es sehr auffällig beleuchtet (und in diesem Zusammenhang könnte man darauf hinweisen, dass auch die Federn am Hut Rembrandts erotische Konnotationen haben).

 

 

Wenn ich diese Bilder richtig lese, war Saskia sicher kein ‚Kind von Traurigkeit‘ und passte von daher gut zu ihrem dem Leben und der Sinnlichkeit zugewandten Ehemann.

 

 

Stattdessen betört sie, zumindest in der Privatheit intimer Zweisamkeit dieser gezeichneten Szenerie, wo sie ganz frei und unmittelbar erscheint: mit ihren Augen, ihrem Mund und ihrer Fleischlichkeit, die sie einerseits, den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, durch sehr viel Stoff verhüllt, die andererseits aber an den wenigen Stellen, an denen man sie sehen kann nur um so mehr und sinnlicher wirkt.

 

Und wir sehen, dass Rembrandt gerade diese Aspekte sorgfältig herausarbeitet und auf diese Weise den Blick des Betrachters – letztlich also vor allem seinen eigenen – zielgerichtet auf diese Bereiche der Zeichnung hin lenkt, während er ihn auf den übrigen Teilen nicht festhält. Stattdessen lässt die Skizzenhaftigkeit seiner Strichführung an diesen Stellen die dargestellte Gegenständlichkeit so im Vagen, dass der Blick keinen festen Anhaltspunkt findet. Immer wieder kehrt er deshalb zu den Augen und damit in die Intimsphäre inniger Zweisamkeit unter der breiten Hutkrempe zurück.