Lektüre-Blog: Diedrichs liest Boehm

Teil 1

Beginnen wir also mit unserer Lektüre:

Gottfried Boem, Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens, Berlin 2007

(ich verwende die Lizenzausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft; dritte Auflage, Berlin 2010)

 

S. 9 - 18: Einführung - Faszination und Argumente

 

Boehm geht bei seinen Ausführungen davon aus, dass es ein Bild vor dem 19. Jahrhundert ausschließlich in Form eines Gemäldes, also als Kunstwerk, gegeben hat. Erst mit der Fotographie, der ersten Form eines technischen Bilds, entstehe ein Bild, das nicht Kunst ist, entstehe also ein Bildbegriff jenseits der Kunst, der seit dem fortgeschrittenen 20. Jahrhundert auch das wissenschaftliche Bild mit einschließt. Das ist das entscheidend Neue, das es überhaupt erst sinnvoll erscheinen lässt, eine Frage wie 'Was ist ein Bild?' zu stellen.

 

"In einer in der Geschichte des Wissens bis dahin unbekannten Direktheit werden Bilder jetzt zu Instrumenten, die Erkenntnisse ermöglichen, die nur auf diesem Wege so zu gewinnen sind. Daten und Informationen, die sich - des Umfangs wegen - sonst kaum beherrschen ließen, werden mit der simultaneisierenden Kraft des Bildes überschaubar, gewinnen Evidenz und Überprüfbarkeit." (S. 13)

 

Dabei ist sympathisch an Boehms Ansatz, dass er nicht etwa von einer Theorie ausgeht, mit der er sich auf wiederum theoretisierendem Weg auseinanderzusetzen gedenkt, sondern vom Bild. Dieses ist es, das ihn fasziniert, ihn zu "produktivem Erstaunen" führt. Am Anfang seines Tuns also steht die "Frage nach den Bildern" (S. 9; dieser Ansatz ist umso bemerkenswerter, als er keineswegs selbstverständlich in der aktuellen, kunstwissenschaftlichen Debatte ist).

 

Bilder sind für Boehm 'bedeutungsgeladene Körper', selbst (oder gerade) wenn sie im Kinderzimmer oder in der psychiatrischen Anstalt entstehen. Ihre Bedeutung erhalten sie (zuerst und in dem Sinn, wie Boehm sich für sie interessiert) zunächst während ihrer Entstehung: dann wird eine Form mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen, wobei dieser Prozess bewusst oder unbewusst geschehen kann: ein Bild "zeigt, was sich nicht sagen lässt", und dies sogar noch lange bevor der Künstler/ der Schöpfer des Bilds selbst genau weiß, worum es sich dabei handeln wird. Die Faszination des Bilds besteht Boehm zufolge gerade darin, dass wir bildlich denken, selbst aber die Tiefe dieser Bilder nicht in jedem Fall ausloten können:

 

"Wir alle sind ikonischer Natur [= dem Bild verhaftet, in Bildern denkend]. Auch dann, wenn wir es vergessen haben." (S. 10)

 

Und eben dies wird die Leitfrage des Buchs sein: Wie funktioniert es, dass Bilder - nicht allein Kunstwerke - Sinn erzeugen? Dass sie mit Sinn aufgeladen werden? Und diesen letztlich sogar transportieren?

Und wir sehen schon, dass für die Beantwortung dieser Frage erst einmal geklärt werden muss, über welche Art von Bild wir überhaupt sprechen. Immerhin kann inzwischen die "gesamte Oberfläche der Welt" zum Bild werden:

 

"jeder beliebige Ausschnitt, und sei er noch so geringfügig. Alles, was sichtbar wird, kann auch Bild sein," und sei es in Form von Landkarten oder Satellitenbildern. (S. 11)

 

Dies sollte für uns eigentlich nichts besonderes mehr sein, immerhin haben wir alle selbst angefertigte Fotographien an den Wänden unserer Wohnungen hängen, in vielen Bauernhöfen hängen Luftaufnahmen vom Hof; Vulkanausbrüche oder Nordlichter werden zum ästhetisch reizvollen Farbenspiel auf dem Fotopapier - was wären bessere Beispiele dafür, dass die "Oberfläche der Welt" zum Bild werden kann, seitdem es entsprechende Technologien gibt? Buchstäblich Alles, vom Bild des Rasterlektronenmikroskops über das Ultraschall- bis zum Satellitenbild und zur Sternenkarte kann heute zum 'Bild' werden, während in der Zeit vor der Entwicklung dieser Technologien Kunstkommissionen anhand bestimmter Kriterienkataloge über die "Bildwürdigkeit" wachte, letztlich also darüber, ob ein visueller Ausschnitt, der auf eine Leinwand gebannt wurde, als 'Bild' anerkannt wurde oder nicht.

 

"Bilder entstanden in einem ausgegrenzten Raum der Legitimität und besetzten in ihm einzelne Nischen." (S. 12)

 

Erst seit der Erfindung des technisch erzeugten Bilds gibt es also Bilder, die nicht Kunst sind. Allerdings erhalten diese Bilder ihren Sinn offenbar, so vermutet Boehm, auf ganz andere Weise, als das bei einem Kunstwerk geschieht.

 

Dabei stellt sich nun auch die Frage, was Bilder überhaupt sind, was sie auszeichnet und welche Funktionen sie haben. Das aber muss, nachdem die Kunstkommissionen ihre Zuständigkeit über das 'Bild' verloren haben, in der Konsequenz jeder, der ein Bild erschafft, selbst entscheiden - ob er es bewusst oder unbewusst tut, ob es sich um ein Ultraschallbild, einen Urlaubsschnappschuss oder ein Ölbild handelt. Es gibt keine definitive, für alle Bilder gleichermaßen gültige Antwort auf diese Frage mehr.

Dieses Phänomen aber ist deswegen so interessant, weil exakt dies die Geburtsstunde der Bildwissenschaft ist. Seitdem die Welt "bis in ihre Atome hinein zum Bild" wird (S. 13) und seitdem es keine definitive Antwort mehr auf die Frage gibt, was ein Bild sei, stellt sich die Frage nach dem Bild ganz neu und - strenggenommen - bei jedem einzelnen Bild wieder.

 

Und da dieses erste Kapitel seines Buchs einen Überblick darüber gibt, was Boehm in den nachfolgenden Kapiteln ausführen wird, spricht er gleich einen weiteren, höchst spannenden Aspekt der Bildwissenschaft an, mit dem er sich im Verlauf des Budhs eingehender beschäftigen wird:

Er verknüpft seine Auffassung vom Bild mit den jüngsten geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskussionen zur so genannten Performativität (deren wissenschaftliche Erforschung Boehm wesentlich mitgeprägt hat), indem er das Bild nicht etwa als passives Phänomen, sondern als aktiv-handelndes, als einen Faktor innerhalb des jeweiligen Prozesses sieht, in dem es steht: ein Bild, so Boehm, tut etwas:

 

"Es dämmert die Einsicht, dass Bilder nicht das sind, wofür sie viele immer noch halten - etwas Nachträgliches, das man, letztlich folgenlos wie Spiegel, an der Realität vorbeiführt -, sondern eine Macht, imstande, unsere Zugänge zur Welt vorzuentwerfen und damit zu entscheiden, wie wir sie sehen, schließlich: was die Welt 'ist'." (S. 14)

 

Dieser Satz ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, seine Konsequenzen sind unabsehbar! (Sie gehen bis zu der Frage, was eigentlich geschieht, wenn wir beispielsweise fernsehen: wenn das Bild auf dem Schirm kein passiver Spiegel ist, der 'letztlich folgenlos' an der Realtität und an unserem Auge vorbeigeführt wird, dann tut es etwas mit uns, es prägt uns, verändert uns und unseren Blick auf die Welt. Und das gilt selbstverständlich auch für jede andere Form des Bilds, dem wir uns aussetzten: wie wir die 'Welt' sehen und deuten, hängt also davon ab, welche Bilder von der 'Welt' wir sehen - und wer diese Bilder geprägt hat, die wir zu sehen bekommen.)

Nicht zuletzt spricht dieser Satz von der Wirkmacht der Kunst, die gern und häufig unterschätzt wird. Wenn der Satz stimmt, dann ist auch ein Kunstwerk nicht etwa bloße Dekoration, selbst wenn sie scheinbar achtlos an der Wand hängt oder auf einem öffentlichen Platz aufgestellt wird: es prägt die Menschen, die ihm ausgesetzt sind.

 

Bilder wirken auf ihre Betrachter ein, unmerklich, aber deswegen doch nicht weniger spürbar.

 

Es ist nicht zuletzt ein Verdienst der Performativitätsforschung, die von Boehm viele wertvolle Anregungen erhalten hat, dass wir uns heute über diese Zusammenhänge klarer sind als noch vor 20 oder 30 Jahren - auch wenn diese Erkenntnisse noch nicht wesentlich aus den Laboratorien der Forscher an die Öffentlichkeit - etwa der Gemeindeverwaltungen, die über die Ausstellung von Bildern im öffentlichen Raum entscheiden - gedrungen zu sein scheinen.

 

 

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